MÜSSEN müssen….
Was uns prägt: Eins der großen Themen seit meiner Kindheit.
Vor das Vergnügen hat der liebe Gott die Pflicht gesetzt. So oder so ähnlich war der Leitspruch meiner Erziehung in den 50/60iger Jahren. Übe Ordnung, liebe sie. Sie erspart dir Zeit und Müh.
Wer rastet der rostet, immer schön fleißig und redlich alle Pflichten erledigen bevor man sich erlaubt, ein Päuschen oder gar einen freien Nachmittag zu genießen.
Nicht dass ich vollkommen erschöpft wäre. Aber man muss nicht zwangsläufig total erschöpft sein, um auch mal Urlaub genießen zu können. Es ist Mai, die Bäume schlagen aus.
Das neue, frische Maigrün schillert in der warmen Sonne, die Felder sind knallgelb vom Raps
Es ist eine Wonne, die Amseln in meinem Garten zwitschern um die Wette und unser Enkelhund liegt faul in der Sonne, weil selbst das Laufen zu viel Mühe macht.

so lässt es sich aushalten
Aber ich schreibe To Do Listen.
Heimwerkermarkt, Regalbretter besorgen. Hemd für meinen Mann umtauschen. Gemüse im Biomarkt einkaufen, Koffer für den Urlaub bestellen, Kaffeefilter nicht vergessen und Sonnenmilch! Keller müsste gefegt werden und Bügelwäsche liegt haufenweise in meinem Arbeitszimmer. ICH HABE URLAUB und kann es nicht genießen. Ich habe meine Besorgungen zu Fuß erledigt. Ich bewege mich zu wenig. Es war Muttertag , ich habe für alle Frühstück gemacht und Kuchen gebacken, Grillfleisch eingelegt und nebenbei Überweisungen online gemacht. Wozu wollte ich den Urlaub nochmal nutzen? Lesen? Schreiben? Über meinen Blog nachdenken?
Ich muss noch Fahrkarten kaufen für die nächste Bahnfahrt nach Berlin. Ach ja: und den Mietwagen für die Ferien ändern. Der Flug geht später. Sparbuch für meine Enkelin anlegen lassen. Meinen Stiefpapa anrufen und ihm sagen, dass ich es wieder nicht schaffe, vorbei zu kommen.
Ich muss auch zum Friseur und zur Fußpflege. Luxusprobleme? Ja und nein. Das Auto muss noch in die Waschanlage, so viel Blütenstaub aktuell. Bin ich verrückt?
Am Abend sind wir eingeladen bei alten Freunden, ich muss noch Blumen besorgen.
Den ganzen Tag kreisen diese vielen „MUSS“ in meinem Kopf. Ich bin nervös und unzufrieden, weil ich nur über meine Pflichtprogramme nachdenke.
Ich habe Urlaub. Kann mich aber nicht frei machen.

Voll im Stress
Die einzige Unterbrechung waren 2 Tage mit meiner langjährigen Freundin „Waltraud“ aus B. in Hamburg ( Bericht folgt)
Wir hatten uns definitiv viel zu erzählen, aber ich musste auch Sightseeing in Hamburg machen, es geht bei mir nicht total entspannt. Meine Freundin fand am Ende auch, dass ich ziemlich angespannt wirkte. War es, dass ich im Kopf schon die Erledigungsprogramme für die nächsten Tage hatte?
Ich kann einfach schlecht abschalten. Dann muss ich mal meine Mails checken…. Und was finde ich?
Eine weitergeleitete E-Mail von einem Kollegen, der mich bittet mal eben eine Antwort auf Italienisch einem Kunden zu schicken. Muss ich das jetzt auch noch? Nein, ich entscheide dass ich Urlaub habe und das eben liegen bleiben muss. So weit kommt es noch. Aber ich MUSS ständig daran denken!
Und als all das Muss grade darin gipfelt, dass ich einen Wischer rausholen will weil meine Küche Flecken hat, beschließe ich, mir einen Kaffee zu kochen und mir diesen ganzen Muss-Mist von der Seele zu schreiben.
Ich sitze unter meinem gelben Marktschirm. Der Wind weht leise um mich herum. Die Amseln zwitschern und der Hund liegt friedlich in der Sonne. Ich werde nächstes Jahr 60. Ich will nicht mehr müssen müssen. Wie soll man sich Lebenszeit organisieren wenn nicht durch Entspannung und Zufriedenheit. Dinge auch mal lassen können, nicht ständig organisieren, planen oder vorbereiten. Alle glücklich machen, nur sich selbst nicht.
Ich bin niemand, der ständig sein Mittagessen von anderen kochen lässt. Ich lasse einmal die Woche mein Haus grundreinigen, weil mein Rücken und meine Knie streiken. Ist das schon so viel Luxus? Dann habe ich auch noch ein schlechtes Gewissen, wenn nicht immer alles picobello im Haus ist. Aber zu den Dingen, die mich persönlich bereichern könnten komme ich nicht, weil davor alles andere erst erledigt werden MUSS.

Müsiggang ist aller Freude Anfang
Was könnte ich alternativ auf die ToDo Liste schreiben
Montag abend spazieren gehen (kommt immer zu kurz)
Dienstag abend (mache ich meinen Italienischkurs regelmäßig, aber es soll kein Muss werden)
Mittwoch abend sollte ich zum Sport gehen (muss ich nicht doch?)
Donnerstag sollte /muss ich einkaufen – oder kann ich es auch mal anderen überlassen?
Freitag nachmittag steht früher Feierabend auf dem Zettel. Kaffee in der Stadt oder am Abend essen gehen?
Samstag – lange ausschlafen. Ein bisschen Pflegeprogramm und lange frühstücken. Wer holt Brötchen?
Sonntag – Familie kommt – Kuchen mitbringen lassen. Keine Lust auf Must
Dazu sei bemerkt, ich gehe geregelter Arbeit nach, meistens bin ich erst gegen 5 zu Hause. Da muss ich den ganzen Tag funktionieren und das, liebe Freunde, fällt mir zunehmend schwerer. Weil ich eben keine 30 mehr bin. Sollte es dann nicht langsam legitim sein, weniger zu müssen. Zumindest in der Freizeit oder was von dieser nach Abzug aller zwingenden Dinge noch übrig bleibt.
Es macht auch keinen Spaß, abends um 20.oo Uhr zur PrimeTime jeden Mörder laufen zu lassen, weil man wieder vor dem Ende des Films im Schlummerland ist.
Ich kann mich im Großen und Ganzen nicht beklagen. Hatte schon kritischere Zeiten, wo das MUSS in der Verantwortung für Kinder und Versorgung derselben lag. Jetzt bin ich immerhin schon Oma und habe ein angenehmes Auskommen, das mir hin und wieder auch eine schöne Auszeit ermöglicht. Also geht es nicht darum zu jammern, dass das Leben im Allgemeinen und im Besonderen so schwer ist. Es gibt viele Menschen, die in meinem Alter kränker sind und weniger Geld zur Verfügung haben. Dennoch hat jeder einen unterschiedlichen Grad der Belastungsgrenze und meiner liegt ganz klar im Festhalten an neurotischen Grundsätzen.
Sollte jemand unter euch sein, der auch unter Müssen müssen leidet, dann nehmt diesen kleinen Artikel mal zum Anlass, zu revidieren und zu relativieren.
Es gibt natürlich auch andere Phänomene, die man dem gleichsetzen könnte. Zwanghaftes Sparen zum Beispiel, bloß kein Geld für Vergnügen ausgeben. Könnte ja sein, dass mal harte Zeiten kommen. Dann hast du genug, wenn du vergessen hast vorher zu leben und du kannst ausreichend Pflegepersonal bezahlen. Wenn du dement wirst, ist es noch das bessere Schicksal, dann hast du vergessen, was man alles hätte genießen können….
Wat mut dat mut, aber wat nich not tut, musse nich machen
Nur die Hatten komm in Gatten, war gestern. Lebe, Liebe, Lache.
Die richtige Balance macht es.
Ich habe jetzt schon eine gute Stunde ohne schlechtes Gewissen meinen Pflanzen beim Wachsen zugeschaut: Die Rosen fangen an zu blühen. Die Pfingstrosen recken sich in die Luft. Die Gänseblümchen dürfen auf dem Rasen leben.
Das Leben ist schön! Auch wenn eigentlich alles dagegen spricht… 
Ich trinke noch einen heißen Kaffee und dann vielleicht, dann wische ich die Küche ODER????
Ihr müsst nicht müssen! Schönen freien Nachmittag noch.
Eure Ute